Relief am VOS-Brunnen

Wandel der Stiftungstradition

Die mittelalterlichen Herrscher befreiten die damals üblichen Seelenstiftungen und „milden Stiftungen - piae causae“ häufig von Steuern und Erbenrechten. Doch galt dies zunächst nur für die üblichen kirchlichen Stiftungen.

Doch mit Beginn der Neuzeit traten auch weltliche Zwecke in den Vordergrund. Wie zum Beispiel der Loskauf aus Gefangenschaft, Gelder für profane, also weltliche, Hospitäler, für die Eheaussteuer oder das Studium von Armen, wie bei der Valentin-Ostertag-Stiftung. Die eintretende Neuzeit veränderte also das Stiftungswesen gewaltig. Es wurde seltener, wie noch im Mittelalter üblich, im Jenseits zu denken. In der Wirklichkeit, also im Diesseits, Gutes zu tun, der Gemeinschaft zu nutzen und somit seiner Person Ausdruck zu verleihen, wurde immer wichtiger.

Ein weiterer besonders wichtiger Gegensatz zur Stiftungspraxis im Mittelalter war, dass bei weltlichen Stiftungen nicht mehr automatisch der geordnete Amtsapparat der Kirche bereitstand, um die Stiftung zu verwalten. Ging es nun um weltliche Zwecke, so musste die Stiftung also eine eigene „Organisation“, eine Satzung haben, die vom Stifter selbst auch geregelt werden musste.

Der individuelle Stifterwille, das Schaffen einer eigenen Organisation und die weltlichen Zwecke, sind die Merkmale der Modernität. Diese Merkmale entsprechen genau denen der VOS.

Die Valentin-Ostertag-Stiftung ist somit typisch für die beginnende Neuzeit, als eine „frühbürgerliche Stiftung eines Juristen, der durch eigene Leistung und Gelehrsamkeit aus dem Bauernstand in den niederen Dienstadel aufgestiegen war“.