Martin Luther
Jakob Fugger

Einfluss der Geistesbewegungen Reformation und Humanismus auf das Stiftungsverhalten

In der Reformation wurde versucht, das übliche Stiftungsverhalten einzuschränken. Dies betraf insbesondere die Memoria und das Erkaufen von Seelenheil, also den Ablass von Sünden. Margreth Ostertag wuchs in Heidelberg auf. Dort hatten sich bereits vor 1529, also noch vor der Abfassung ihres letzten Testaments, reformatorische Ideen verbreitet, die unter anderem auch zur Lockerung der geistlichen Lebensform führten.

Doch die übliche Stiftungspraxis änderte sich kaum. Da auch im aufkommenden Protestantismus Barmherzigkeit als verdienstvoll galt, finanzierte man nach wie vor Wohngebäude, Stipendien oder Almosen und ließ die Begünstigten für das Seelenheil der Stifter beten. Dies trifft auch auf die VOS zu. Bei aller zu vermutender Sympathie Valentin Ostertags für die Lehre Luthers hielt er auch nach der Einführung der Reformation der katholischen Religion die Treue.

Wesentlich größeren Einfluss auf die Stiftung hatte der Humanismus, dessen geistige Zentren Nürnberg, Augsburg, Heidelberg und Straßburg waren. Nürnberg und Heidelberg waren zeitweise die Wohnorte des Ehepaars Ostertag. Nach humanistischer Vorstellung sollte Bildung für alle Menschen zugänglich sein. Von dieser Leitidee ist die Ostertag-Stiftung bis heute geprägt. In den Testamenten wird festgelegt, dass Kinder, egal welchen Standes, die überdurchschnittlich intelligent waren, gefördert werden sollen. Auch die Möglichkeit die wertvolle Bibliothek Valentin Ostertags zu nutzen, die dieser der Stadt Dürkheim vermachte, ist ein Zeichen der humanistischen Grundidee.

Der Idee des Humanismus verdankte auch Valentin Ostertag selbst seinen Bildungsstand. Er stammte, zumindest der Legende nach, aus einfachen Verhältnissen, was seine Biografie zeigt. Es ist anzunehmen, dass  humanistische Vorstellungen ihn bei der Idee seiner Stiftung und damit der Förderung begabter junger Menschen sehr stark geprägt haben. Eine Forderung dieser Humanisten war das früh beginnende Bemühen um Bildung und Erziehung des Charakters und des Geistes bei Kindern. Bis heute beschäftigt sich die Stiftung Ostertags sehr stark mit der Jugend.

Auch der Zeitgenosse Jakob Fugger fühlte sich dem Geist des Humanismus verpflichtet. So ganz geheuer schien ihm damals nämlich sein Streben nach Geld und Macht nicht zu sein. Als reichster Mann seiner Zeit fragte er sich, ob sein Gewinnstreben mit der Forderung nach dem „Gemeinen Nutzen“, also dem Wohl der ganzen Gesellschaft, wie es der Humanismus forderte, vereinbar ist, oder ob er schon einer war, dem „Gut vor Ehre“ geht, obwohl ihm nach den Normen seiner Zeit „Ehre vor Gut“ gehen sollte. Martin Luther, die große Persönlichkeit der Reformationsbewegung, der lautester Kritiker von Jakob Fugger, bezeichnete ihn damals als „der Hecht, der die anderen Fische frisst“.